Gestern war ein seltsamer Abend, an dem ich ausgesprochen seltsame Menschen getroffen habe. Ich war beim Bierfest, oder auch Festival de la Cerveza Artesanal. Ich gebe zu, mein Fall war das nicht so richtig, aber darum geht es jetzt nicht.
Auf dem Fest trafen wir einen Chilenen, der Architektur studiert und auf den ersten Blick sehr liberal wirkte. Als wir jedoch mit ihm ins Gespräch kamen, mussten wir uns ein paar Dinge anhören, die doch gar nicht so zu seinem Äußeren passten.
Irgendwie machen die meisten Leute hier ein Auslandssemester, oder ihren Master im Ausland und dieser Chilene erzählte uns, er wäre eigentlich nach Deutschland gegangen. Alles so weit gut, bis er uns erklärte, dass er dies jedoch nicht tun würde, da ja alle Deutschen so extravagant seien. Er stand zwei Deutschen gegenüber, die ihn eher ratlos ansahen und ihm zu sagen versuchten, dass er nicht einfach sagen kann: Die Deutschen sind…
So richtig zu zuhören, schien er nicht, denn er machte kaum eine Pause um uns weiter zu erklären, dass er auch die Menschen in Valdivia, der Stadt in der er lebt, der Stadt in der er Freunde hat, die gerade neben ihm standen, nicht mag.
Deswegen würde er jetzt nach Portugal gehen, denn dort seien die Menschen ja arm.
Die zweite Begegnung war ein wenig später in einem Auto, welches uns abholte und ins Zentrum fuhr. Ein Freund einer anderen Person erklärte uns, dass chilenische Musik schlecht sei. Von uns (zwei Deutschen und einer Chilenin) kam Protest. Auch hier dürfe man nicht sagen chilenische Musik ist schlecht.
Aber auch er wollte nicht zuhören. Im Radio lief gerade Kesha oder irgendeine andere amerikanisch Einklang-Pop Band. Er drehte lauter und erklärte uns: „Das ist gute Musik“.
Über Geschmack lässt sich (nicht) streiten und verallgemeinern ist unglaublich leicht. Jedoch diese Scham, oder dieses Entschuldigen für sein eigenes Land, stößt einem schon bitter auf.
Hallo Clara,
es ist von hier aus schwer zu beurteilen ob es chilenischen jungen Menschen grundsätzlich so geht mit ihrem Land. Befremdlich finde ich es auch, wenn man solche Dinge in einer Unterhaltung mit Menschen sagt, die man gerade erst kennen gelernt hat.
Ich kann mir aber auch durchaus vorstellen, dass Du auch in Deiner Heimat ähnliche Dinge erleben könntest. Denn auch bei uns ist „Jugend“ Kultur meiner Ansicht nach stark von angelsächsischen Künstlern geprägt. Ich empfinde es so, dass erst in den letzten Jahren auch z.B. deutsche Musiker mehr „gehört“ werden. Also: vielleicht muss man auch mehr hinterfragen und mehr Gespräche führen.
Insgesamt denke ich aber, dass es interessant ist zu versuchen, sich über solche Themen auszutauschen und versuchen zu ergründen was „Identität“ ist. Und dazu gehört natürlich auch die Einstellung zu dem Land aus dem man kommt.
Liebe Grüße und viele interessante Gespräche
Mama
Nein nicht grundsaetzlich, ich kenne sehr viele die spanische oder chilenische Musik lieben. Bei dem was ich geschildert habe, handelte es sich um eine Person der Oberschicht. Mit den oben genannten Menschen konnte man darueber leider aber auch keine Konversation fuehren.
Und das was du ueber die deutsche Musik sagst stimmt! Aber das ist eben hier ganz anders. Hier werden im Radio bestimmt 80% nur spanische Musik, und kaum englische gespielt!
Dass sich fuer das Leben hier entschuldigt wird erlebe ich aber fast jeden Tag. Zum Beispiel: Gestern erzaehlte mir ein Voluntario dass ein Freund von ihm nach Deutschland gehen wolle, da wir ja superior waeren. Ich habe ihn etwas entsetzt angesehen und ihm erklaert dass dem nicht so ist.
Auch meine Familie entschuldigt sich immmer wieder fuer ihren Lebensstandard.
Fuehl dich gedrueckt, Clara